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Grenzgänger am Hungertuch

🇵🇱 Stadion Miejski Gubin
Datum: 13.10.2018 (15:00 Uhr)
Land: Polen (Gubin)
Wettbewerb: IV. liga, grupa lubuska
Hierarchie: 5. Liga
Spiel: MKP Carina Gubin – MKS Ilanka Rzepin
Ergebnis: 3:1
Zuschauer: 170
Kapazität: 2.500

Jeder kennt sie. Jeder hat sie. Oder ist vielleicht sogar selbst einer davon. Hobbymäßige Kippen- und Treibstoffimporteure, die mit ihrem Sparfuchs eine Runde Gassi in Polen gehen. Stimmts oder hab ich Recht? Ich kann mich als Nichtraucher und -autobesitzer da getrost ausklammern. Bin aber dennoch gerne mal ein Grenzgänger – beim Hoppen. Unsere Exkursion ins Brandenburger Nachbarland stand diesmal unter dem Banner meiner kleinen Pseudorubrik, die nach fast einem halben Jahr (Ptuj, Krsko, Koprivnica) mal wieder neues Futter brauchte. Witzigerweise ist diese Formulierung doppeldeutig, wie sich später herausstellen sollte.

Zunächst begann an diesem sonnigen Samstagmorgen alles mega entspannt. Die großzügige Umsteigzeit gestattete es mir, in Spandau seelenruhig noch Knete abzuheben, um dann 20 Minute vor dem Treffpunkt am Hauptbahnhof in Berlin einzutrudeln. Die beiden Jungs ließen auch nicht lange auf sich warten. Eine Knolle Schulti ploppte auf und los ging die wilde Fahrt nach Gubin. Im Zug wurde ich dann gebrieft, dass neben Tim und Tomec auch noch Matze an unserem geselligen Polenexkurs teilnimmt. Blöd nur, dass ich das nicht wusste und nur drei Namen ins Brandenburgticket eintrug (wohlgemerkt über die App). Dass daraus so ein Akt wurde, wollte ich erst nicht wahrhaben.

Die Schaffnerin setzte allerdings auf meine proaktive Nachfrage hin zügig ihr AGB-Gesicht der Deutschen Bahn auf und textete mich artig mit den Beförderungsbedingungen ihres Produkts zu. Statt 60 EUR durch Inkasso Moskau gab sie meinem Gnadengesuch aus Kulanz statt. Derselbe Menschenschlag misst wohl auch in Brüssel die Bananenkrümmung und erstellt die fünfte Revision der Leiter-Richtlinie (2001/45/EG). Bei einmal Umsteigen und der Rückfahrt durften wir diese Prozedur insgesamt noch drei weitere Male über uns ergehen lassen. Und sowas nennt sich Wochenende. Naja, jedenfalls kamen wir erstmal ohne Zusatzkosten in Guben an, wo wir ca. 5 Kilometer Fußweg zum Stadion auf die polnische Seite absolvieren mussten.

Als wir die entlang der verwaisten Tuchfabrik die Lausitzer Neiße überquert hatten, trachteten wir sogleich nach der nächsten Wechselstube und einem bei dem Temperaturen unvermeidbaren Wegbier, das im nächstmöglichen Kaufmannsladen an der Straße Piastowska gekauft wurde. Über den 1. Mai trotteten wir schließlich auf die Generala Sikorskiego, die uns schnurstraks zum Ground geleitete. Am Parkplatz erlebten wir unsere erste Überraschung. In der 5. Liga Polen,  protzten die Gäste aus Rzepin mit einem dicken Mannschaftsbus, wie ihn bei uns Profimannschaften fahren. Bescheidener verhielten sich die Gubiner, um nicht zu sagen: Diese Kulturbanausen! Kein Eintritt, kein Essen, kein Bier. Nic w ogóle, gar nichts, würde man in Polen sagen.

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Ich, der den ganzen Tag noch keine feste Nahrung zu sich genommen hatte, weil er sich dermaßen auf eine schöne Kiełbasa freute, fiel vor Enttäuschung ins Bodenlose. Selbst zwei gaaaaaanz süüüüüüüße Hundewelpen konnten mich nicht erheitern. Dafür entschädigte mich aber dieser unfassbar geile Ground, von dem ich mir eine Extraportion an tollen Eindrücken reinschaufeln konnte. Umgeben von in frühherbstlichen Farben getauchten Mischwald, war der Platz rundherum von meterhohen Erdwällen umgeben, die man auf der Eingangsseite über Treppen erklomm und wie Sanddünen aussahen. Der Spielerzugang zum Spielfeld teilte diese entzwei. Links, rechts und gegenüber dagegen nur grüngrauer Heideboden mit einer rekordverdächtigen Flechtenausdehnung.

So weit das Auge reichte. Die Mutter aller Waldstadien, konnte man meinen. Für einen tollen Kontrast sorgte auch der gut gepflegte sattgrüne Rasen im Zusammenspiel mit der pechschwarzen Aschenbahn, die auf den Längsseiten breiter als an den Kurven war. Vermutungen einer ehemaligen Speedwaystrecke konnten nach Recherche bisher nicht bestätigt werden. Auch Stehfaule kamen hier auf ihre Kosten. Einerseits befanden sich hinter dem Stadionsprecher drei Sitzreihen aus Holz. Vis a vis dafür eine richtige kleine Tribüne für ca. 200 Zuschauer. Ein beachtliches Arsenal an alten Walzen am Rand des Geländes rundete genialen Gesamteindruck ab. Wir wollen aber auch den Sport nicht vergessen.

Carina Gubin und Ilanka Rzepin duellierten sich beide in der IV. liga, der höchsten im Landesverband Lubuska (dt. Lebus), was der 5. Liga in der Gesamthierarchie in Polen entspricht. Sowohl auf dem Papier als auch im realen Geschehen auf dem Rasen war das mit unserer Verbandsliga Brandenburg vergleichbar. Die Bewegungen der Spieler wirkten technisch ausgereift und gut koordiniert, die Spielzüge mit Druck, Dynamik und Ideenreichtum vorgetragen. Konnte man echt nicht meckern. Zum Zungeschnalzen war schleißlich das 2:1 der Gubiner per blitzsauberem Hackentor nach einer Hereingabe. Dass die Gastgeber in der Liga auch eine vordere Rolle spielen, machte sich in leichten Vorteilen über die gesamten 90 Minuten bemerkbar. Sie legten die Messlatte für Rzepin einfach einen Tick zu hoch.

Am Ende stand ein verdientes 3:1 in der Wertung, das wir als sehr ansrpechend einstuften. Im Gegensatz zum kulinarischen Angebot der Stadt. Wie die Blöden bekamen wir echt auf dem Rückweg durch die Innenstadt keine polnische Wurst mehr zu beißen. Döner, Mäces, Tankenfraß, all das hätten wir mitnehmen können. Aber keine Spur von irgendwas Geilem. Trotzdem fühlte ich mich wie dieser Esel, der vor zwei Heuhaufen steht, sich nicht entscheiden kann und dann verhungert. Letztlich tauschten wir unsere übriggebliebenen Zlotys wieder um und kauften wir uns in der Not an einer Tanke in Guben eine Bockwurst und Knacker. Bezeichnend. Immerhin konnten wir die Zugbegleiter auf der Rückfahrt so bezirzen, dass wir keine Strafe für unseren „blinden Passagier“ Matze zahlen mussten. Am Ende ergaben die paar Bier und der starke Ground zusammen auch ein Schnitzel.