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Es war einmal die „Schwarze Erde“

🇩🇪 Stadion der Freundschaft (Templin)
Datum: 06.10.2018 (15:00 Uhr)
Land: Deutschland (Templin)
Wettbewerb: Landesklasse Nord (Brandenburg)
Hierarchie: 8. Liga
Spiel: SC Victoria Templin – SV Blau-Weiß Gartz
Ergebnis: 3:1
Zuschauer: 120
Kapazität: 4.000

Manchmal schlafwandle ich durch meine Wohnung. Dabei presse Geldstücke durch alle möglichen Schlüsselllöcher, während sich hinter mir die Schiebetür des abfahrbereiten Caddys schließt. Es passt nicht. Ich schaffe es nicht. Schweißgebadet wache ich auf und merke. Es war nur ein böser Traum. Alles wegen diesem verflixten 24. August 2018. Sie glauben, diese Geschichte ist wahr? Okay, ich übertreibe. Aber kurz danach habe ich Gift und Galle gespuckt, wie man denn nur so dumm sein konnte.

Ein unglücklicher Dominoeffekt aus einer nicht passenden EC-Karte im DB-Automaten, einer Last-Minute-Bargeldabhebung sowie eines falschen Reflex (Knopf drücken statt sich zwischen die Schiebetür zu schmeißen) machte das Knaller-Eröffnungsspiel der Landesklasse Nord für mich zunichte. Templin gegen Grünow, DAS Derby in der Uckermark, auch noch ein Abendspiel, doch Erik und ich waren außen vor. Tagelang haderte ich. Aber es war nunmal nicht zu ändern. Dann halt eine Nummer kleiner, dachte ich mir. Also spulen wir vor.

Mittlerweile ist es Oktober. Und als wollte mir einer da oben all den längst verflogenen Ärger abgelten, zeigte sich Klärchen am Himmel von ihrer Schokoladenseite und bereitete uns einen tollen Rahmen für eines der schönsten Stadien in Brandenburg. Dort im Norden mit der Niederbarnimer Eisenbahn entlang zu fahren, hatte ich lange nicht mehr gemacht, gab mir aber Auftrieb. Schon allein zu realisieren, dass der RB12 auch in Hammelspring hält. Ein Ground, den ich vor zig Jahren bereist hatte und der mittlerweile verwaist ist.

Genauso wie der halbe Bahnhof von Templin (Mark) inklusive Lokschuppen. Meinen Drang, dort mal kurz die verlassenen Hallen zu stalken, musste ich allerdings ignorieren. Zeit war ausreichend, aber nicht im Überfluss vorhanden. Für einen kurzen Halt am Asia-Döner-Wagen reichte es noch (der Hunger trieb es rein). Nur gute fünf Minuten später erschrak ich fast, wie plötzlich sich diese Talsohle von einem Stadion vor mir offenbarte. Doch mir wurde ganz schnell warm ums Herz – nicht nur wegen des Altweibersommers.

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„Stadion der Freundschaft“ prangte an einem Metallgestell am Einlasstor mit diesen unverkennbaren Lettern aus der Schmiedekunst des Ostens. Bei dem Namen, weiß man, was man hat. Ein dunkel angestrichenes und von Säulen gestütztes Holzhaus rundete den exzellenten ersten Eindruck ab. Diese Optik fand auch beim Hauptgebäude seine Anwendung. Auffällig ist, wie gesagt, dass die Spielfläche vertieft wurde und in einer künstlich angelegten Senke liegt. Über die komplette Länge ziehen sich vier Blöcke á sieben Reihen Holzbänke hin und stülpten sich über den Hang an der Ostseite wie ein Skelett.

Meine Vorliebe für originelle Sprechertürme stieß hier mal wieder auf prächtige ein Echo. Die Behausung für den Stadion-Ansager war ähnlich einer Seilbahn-Gondel oder eines Mini-U-Boots geformt und erlaubte es aufgrund seiner Geräumigkeit, eine Menge technisches Equipment dort unterzubringen. Die manuelle Ergebnisanzeige durfte freilich nicht fehlen. Dass hier im Stadion früher mal ausgiebig und auf hohem Niveau gesprintet, geworfen und gesprungen wurde, erkannte man nicht nur an der Aschenbahn, sondern auch an einer äußerst reizvollen, verrosteten Feuerschale für die Spartakiaden, also DDR-Sportfeste.

Am gegenüberliegenden,  Sitzbereich mit seinen blauen Sitzschalen hatten eher die Gästefans und alten Haudegen ihren Gefallen gefunden. Einer von ihnen erzählte uns, dass Victoria hier bis zur Jahrtausendwende noch auf Mutterboden spielte, was dem Ground den Beinamen „Schwarze Erde“ verlieh. Der mühsam ausgehobene Kessel existiere schon immer, die Haupttribüne wurde hingegen erst nach dem Krieg errichtet. Nach und nach entstand also dieses Unikat mit viel Liebe zum Detail. Was man von uns beiden zunächst nicht behaupten konnte. Während wir mit unseren Smartphones noch die USPs hier für die Ewigkeit festhielten, flogen uns – quasi durch die Kameralinse – schon die ersten beiden Tore um die Ohren.

Wohlgemerkt nach drei Minuten. 2:0. Das konnte ja heiter werden für die Grenzgänger aus Gartz. Wir nahmen Platz und unkten schon: „Pass auf, das war’s für heute schon.“ Lange Zeit sollten wir Recht behalten. Die Tabellenführer aus Templin wollten das restliche Spiel wohl ganz locker aus dem Ärmel schütteln. Da machten die Gäste aber nicht mit und bremsten die Angriffsbemühungen des Kreisrivalen mehr und mehr aus (abgesehen von einem Pfostenschuss). Selbst probierten und riskierten so einiges und hätten im Laufe der ersten Halbzeit schon den Anschluss herstellen können.

Der war aber schließlich nach einer Stunde eingeplant. Die alten Recken über uns hatten das alles kommen sehen. „Die betteln um den Ausgleich.“ 3000 Jahre Fußballerfahrung konnten nicht irren. Der Gartzer Lattentreffer danach ebenfalls nicht. Der SCV fand nach einigen Wechseln mit neuem Esprit zurück in die Spur und schickte den aus ihrer Sicht viel zu aufmüpfigen Gegner zurück in den Zwinger. Das 3:1 kurz vor Schluss sprach das letzte Wort dieses kleinen Uckermark-Derbys. Ein Abschiedslübzer vom Bierwagen und zwei Abschiedsradeberger aus der Bahnhofskneipe später saßen wir wieder im Zug. Rundum zufrieden mit diesem geilen Fang. Ab jetzt endlich wieder schöne Träume.