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Auszeit, Unzeit, Steinzeit

🇩🇪 Stadion am Wasserturm
Datum: 01.12.2018 (13:00 Uhr)
Land: Deutschland (Forst)
Wettbewerb: Kreisliga Niederlausitz
Hierarchie: 9. Liga
Spiel: ESV Forst – TSV Hertha Hornow
Ergebnis: 4:7
Zuschauer: 70
Kapazität: 8.000

Wir haben sturmfrei! Naja, ich sowieso, aber auch mein Bester, der Kind und Kegel drei Wochen lang in das ferne karibische Urlaubsziel entlassen hat. Und wenn die Katze aus’m Haus ist, tanzen die Mäuse auf’m Tisch. Das nahmen wir zum Anlass, meinen länger gehegten Traum zu erfüllen, der gar nicht mal so weit weg und auch noch in märkischen Gefilden liegt. Forst statt Fuerteventura, Schmuddelwetter statt Sommersonne, Kreisliga statt Sangria. Auszeit kann so Schnäppchen sein. Frisch, fromm, fröhlich, frei zogen wir in der Frühe vom Berliner Hauptbahnhof aus, um in der Goldgrube Lausitz eine weitere Kostbarkeit auszubuddeln.

Durch dicht gedrängte Menschenmassen walzten wir uns den Weg im RE2 frei und fanden sogar noch drei Plätze, als E. m B (Name geändert) zu uns stieß. Abgesehen davon, dass die Netzabdeckung auf der Fahrtstrecke dem Entwicklungsstand der Kreidezeit entspricht, also gleich null ist, rollte der Zug bis kurz vor Cottbus planmäßig durch. Doch kurz vor de Fichten hauta in Sand, wie man bei uns so schön sagt. Weil ein vorausfahrender Güterzug die Gleise gehackt hatte, war kurz hinter Vetschau Stillstand und anschließend Schrittgeschwindigkeit angesagt – zur Unzeit. Das verkonsumierte natürlich unsere Viertelstunde Umsteigzeit komplett.

Die Anschlussbahn nach Forst wartete nicht. Wir hatten also wieder den Zonk gezogen, wie schon vor ein paar Wochen mit Premnitz. Schnell machte das Wort Ströbitz die Runde und ließ mich erschaudern. Andere Optionen gab’s nicht. Oder doch? Als wir nach einer schieren Unendlichkeit in den Cottbusser Hauptbahnhof einschlichen, an dem der Eskortservice der Polizei die mitfahrenden Uerdingen-Fans empfing, entschieden wir uns, ein Taxi nach Forst zu nehmen. Und hatten sogar noch Glück im Unglück. Ein einziger Chauffeur parkte noch. „Mit 45 Euro müsst ihr rechnen“. Wir knirschten, aber es blieb uns nichts anderes übrig.

In unsere Zwiegespräche über die aktuelle Minikrise des Chemnitzer FC klinkte sich der Fahrer ein und blätterte für uns ein wenig in seiner Biografie. Obwohl Cottbusser Abstammung, sei er seit jeher Lok Leipzig Fan und schafft im Schnitt auch 10-12 Spiele pro Saison, sogar auswärts. Er giftete zu unserer Genugtuung gegen das Kunstprodukt RB Leipzig und schmachtete in Erinnerungen an den erstmaligen Besuch des Zentralstadions sowie den 80er Jahre Derbys gegen Chemie, die regelmäßig zu Straßenschlachten ausuferten. Nach einer knappen halbe Stunde lud er uns direkt am Wasserturm aus. Zehn Minuten vor Anpfiff. Bester Mann!

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Mich überraschte, wie extrem nah das Wahrzeichen am Ground stand und geilte mich an seiner Herrlichkeit förmlich auf. Das ging nebenan auf dem Platz natürlich weiter. C-förmig krümmte sich die leicht schräg abfallende Steh-Terrasse auf der Geraden zu den grünen Steinstufen in den Kurven. Ein komplettes Tribünen-Oval existierte in den fast 100 Jahren nie. 1921 quasi in der Steinzeit des Fußballs erbaut, hat es während seiner Geschichte schon beachtliche Menschenmassen aufgenommen. Der FC Viktoria Forst war in den 20ern Jahren als mehrmaliger Niederlausitzer Meister ein fußballerisches Schwergewicht im Südosten der Weimarer Republik, die sich ja bis nach Oberschlesien erstreckte.

Das Achtelfinale um die deutsche Meisterschaft gegen Schwarz-Weiß Essen (1:2) lockte im Mai 1925 satte 7.000 Zuschauer an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das sogar noch getoppt. 14.000 Menschen verfolgten 1948 das Finale um den Brandenburger Titel zwischen Cottbus-Ost und Babelsberg. Auch das Cottbusser Derby in der DDR-Liga zwischen Vorwärts und Energie elektrisierte Ende der 1960er Jahre 9.000 Schlachtenbummler, welches mittlerweile den Namen Stadion der Einheit trug und 1961 sogar ein Etappenziel der DDR-Rundfahrt war.

Seit dem Fall der Mauer und der Rückbenennung in Stadion am Wasserturm trägt der Eisenbahner Sportverein (ESV) Forst seine Heimspiele hier aus, der sich aktuell sogar Aufsteiger schimpfen darf – allerdings in akuten Abstiegsnöten. Zum vorletzten Spieltag im eigenen Haus gastierte mit dem TSV Hertha Hornow 1993 der Fünftplatzierte bei den Grenzstädtern. Nach einer günstigen Stärkung mit Bier (2 Euro), Fanta (1,50) und Bratwurst (2) erlebten wir eine mitreißende Kreisligapartie, in der der Underdog furios aufspielte. Mit einigen Brechern in ihren Reihen fegte der ESV förmlich über den Gegner hinweg und zauberte mit feinen Kontern und Spielzügen eine überragende 4:1-Pausenführung aus dem Hut. Die Hertha wusste gar nicht, wie ihr geschieht.

Weil er von den Hornowern gleich ein paar Mal richtig Maß genommen wurde, musste der Abwehrchef der Hausherren in der Kabine bleiben. Ein herber Rückschlag, wie sich herausstellen sollte. Dieser Kitt fehlte im weiteren Spielverlauf beim Zusammenhalt der Truppe sichtlich, zumal sich noch weitere Leistungsträger verletzen sollten. Körperlich hatte der ESV so nichts mehr zu erwidern. Stück für Stück nahm der TSV die Roten nun auseinander und sah sich keinem Widerstand mehr ausgesetzt. Das 4:1 kippte am Ende in ein 4:7. Arme Forster. Reich an Eindrücken waren hingegen wir Drei. Die Schönheit dieses Grounds wirkt am besten zur kalten Jahreszeit, wenn die Bäume ihr Laub komplett abgeworfen haben. Dann kommt der Wasserturm im Hintergrund – um 1900 als zentraler Speicher für die Wasserversorgung der Stadt errichtet – besonders zur Geltung.