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Arm, aber sexy

🇩🇪 Walter-Siebert-Stadion
Datum: 20.10.2018 (14:00 Uhr)
Land: Deutschland (Pasewalk)
Wettbewerb: Kreisliga III Vorpommern-Greifswald
Hierarchie: 10. Liga
Spiel: SV Pommern Pasewalk – SV Polzow
Ergebnis: 3:1
Zuschauer: 60
Kapazität: 5.000

1000 Doofe. 1 Gedanke. Mittlerweile hatte der goldene Oktober die Kerzen ausgepustet und den Himmel vernebelt. Trotzdem wollte an jenem Samstag gefühlt jedes Lebewesen, dass aus mehr als einer Zelle bestand, mit dem Drahtesel von Berlin gen Uckermark aufbrechen. Und ich war einer davon. Ein Fahrradkorso nie gesehenen Ausmaßes ergriff Besitz vom RE3 Richtung Stralsund und verdünnisierten sich erst in Angermünde, als ich mein Ziel auch fast erreicht hatte. Doch ich war natürlich nicht nur allein in strampelnder Mission unterwegs. Ein Ground musste her. Den hatte ich erst ein paar Tage vorher entdeckt.

Voller Vorfreude und mit so einem Kribbeln im Bauch trat ich ab Prenzlau ca. 25 Kilometer in die Pedale, um nach gut einer Stunde in Pasewalk zu landen, die aufgrund der geschichtlichen Prägung durch die preußische Herrschaft den Beinamen „Kürassierstadt“ trägt. Außerdem war hier zu Zeiten des 1. Weltkrieges ein Reservelazarett ansässig, in dem ein gewisser Gefreiter namens Hitler eine an der Westfront in Flandern erlittene Senfgasverletzung auskurierte. Während davon allerdings kein Stein mehr übrig geblieben ist, den man besichtigen könnte, wehrt sich das Walter-Siebert-Stadion am südlichen Stadtrand mit Ach und Krach gegen Zerfall und Vereinsamung.

Und teilt damit dasselbe Schicksal wie sein Herbergsvater, der SV Pommern Pasewalk, wie mir Schatzmeister Marcus nach meiner Ankunft erzählte. Der symbolische Euro, den er mir abkassierte, stand schon stellvertretend für den Zustand des Vereins, den er für mich in der Folge skizzierte. In seinem bald 20. Jahr des Bestehens müssen er und seine wenigen Mitstreiter mit Händen und Füßen ums Überleben kämpfen. Nachwuchs gibt’s seit 7 Jahren nicht mehr. Ein Jahr später ging auch die Zweite ein. Da niemand mehr Lust auf die weiten Fahrten durch das halbe Land habe, ist man vor Jahren zudem freiwillig in die unterste Klasse, die Kreisliga III, abgestiegen.

Über den Erinnerungen an die Bezirklasse um die Jahrtausendwende sowie Spiele mit über 300 Zuschauern hängen hingegen die Spinnenweben. Nun ringen sich die Pommern halt mit dem Rest durch, der treu und bescheiden ist. Mehr ist nicht drin. Obwohl einem diese Schilderungen und der Zustand des Stadions dem gemeinen Betracher aufs Gemüt drückten, übte sein Anblick auf mich eine nicht zu leugnende Faszination aus. Dabei zitterte ich bis kurz vor Anpfiff noch, ob hier der Ball überhaupt rollen würde. Vertreter von Pasewalk und den Gästen aus Polzow inspizierten den Kunstrasenplatz die Straße runter, was für mich natürlich der Ober-Reinfall gewesen wäre.

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Ausgerechnet den dummen Gedanken einiger Kids, die kürzlich tiefe Brandlöcher dort hinterließen, war es zu verdanken, dass letzlich dort nicht gespielt wurde und ich meine Reise nicht umsonst angetreten hatte. Was sich aber im Stadion als Untergrund unter die Füße legte, machte sprachlos. Leute, ich habe ja in Deutschland schon vieles gesehen, aber hier fühlte ich mich als Armenier in der kaukasischen Steppe. Das mausetote, aschfahle Geläuf glich einer verödeten Mondlandschaft und flog als Fetzen und Staub bei jedem Bodenkontakt der Spieler 90 Minuten durch die Luft. Jeden Moment musste ein Zombie aus einer Furche krabbeln und leise röcheln „sieh wie die Wüste lebt“. Die Söhne Mannheims hätte es gefreut. Epochal mutete hingegen die meterhohe Tribüne an.

Sie reichte über den halben Umfang des Sportplatzes. Bis zur Wendezeit, damals noch ein reines Leichtathletik-Stadion, war sie sogar noch mit Holzbänken ausgestattet, danach aber aufgrund geringer Nutzung zurückgebaut. Aus Holz waren auch die kleinen Auswechselbänke gefertigt, die auch eine gute Schaubühne für ein Kasperletheater abgeben könnten. Abseits des Feldes fiel das Vereinsheim mit seiner gefliesten Grobputzfasse inkl. Anzeigetafel, dem gemauerten, aber nicht aktiven Grill sowie der überdachten Sitzgelegenheit ins Auge, die sich vor das Plattenbaupanorama schoben. Diese schonungslos offenbarte Armut ist das, was mir als Eindruck am meisten haften blieb. Was mich fußballerisch erwarten sollte, bekam ich schon beim Aufwärmen der Teams mit.

Wie bei einem Herrentagsturnier hielten sie einfach ein bisschen ungelenkig den Ball hoch. Ein Spieler musste sich mit einem Energydrink noch den Kater vom Vortag aus dem Kadaver spülen. Also ein typischer Freizeitkick hier, der viel ehrliches Rumgebolze bot. Polzow egalisierte den frühen Rückstand mit einem bockstarken Kopfball zwar zunächst, riss sich diese Errungenschaft allerdings mit dem Allerwertesten hinten wieder ein. Erst griff der Keeper nach einem Freistoß daneben, dann fabrizierte sein Verteidiger einen Querschläger. Beides perfekte Vorlagen für den Pommern-Stürmer, der von den Fans nicht nur wegen dieses Doppelpacks bei jedem Ballkontakt als „Jovic“ gefeiert wurde.

Der Frankfurter hatte am Vorabend mit einem Fünferpack geglänzt. Hier alles natürlich ein paar Nummern sparsamer. Das 3:1 nahmen die Pasewalker natürlich gerne mit. Doch wer war nun Walter Siebert? Marcus wusste es leider nicht. So fragte ich ein paar Tage später per Mail bei der Stadt nach. Walter Siebert wurde am 14.01. 1904 in Pasewalk geboren und fiel als Soldat im Oktober 1944 im Norden Frankreich. Er beschäftigte sich schon früh mit dem Sport und trat der „Freien Turnerschaft“ bei. Als seinen Lieblingssport erwählte er das Turnen. Siebert arrangierte sich für den Kindersport und der Nachwuchsarbeit, organisierte Sportwerbeabende, Vereinsfeste, Wettkämpfe uvm. Dank dieser Kurzbiografie schrieb ich mit vollem Vergnügen eine 1 mit Sternchen unter diesen sehr guten Trip.